Zeit heilt nicht alle Wunden – zumindest nicht für die Rippenqualle. Wenn diese Meerestiere verletzt werden, brauchen sie manchmal einfach nur einen Artgenossen, um sich mit ihm zu verschmelzen.
Genau das haben Biologen des Marine Biological Laboratory der University of Chicago entdeckt. Bei der Untersuchung von Mnemiopsis leidyi, auch als Warzige Rippenqualle bekannt, fanden sie heraus, dass diese Quallen nicht nur ihre äußeren Gewebe miteinander verschmelzen lassen, sondern auch ihre Nerven- und Verdauungssysteme verbinden können. Diese Entdeckung könnte weitreichende Auswirkungen auf die Forschung zur menschlichen Regeneration haben.
Zufallsfund mit großen Konsequenzen
Alles begann mit einer zufälligen Beobachtung: Einen Tag nach dem Einsammeln einiger Rippenquallen aus der Natur bemerkten die Wissenschaftler ein merkwürdiges Exemplar. Diese Quallenart besitzt normalerweise nur ein sogenanntes apikales Organ – ein Sinnesorgan vieler Wirbelloser. Doch dieses Exemplar hatte zwei. Zudem hatte es zwei aborale Enden, also im Grunde zwei Hinterteile – ebenfalls äußerst ungewöhnlich.
Die Forscher vermuteten, dass es sich ursprünglich um zwei Quallen gehandelt hatte, die nach einer Verletzung miteinander verschmolzen waren. Um diese Hypothese zu testen, amputierten sie teilweise die Lappen anderer Quallen und setzten sie zusammen in ein Becken. Das Ergebnis war verblüffend: In neun von zehn Fällen verschmolzen die Rippenquallen zu einer einzigen Einheit. Und noch beeindruckender: Alle verschmolzenen Quallen überlebten die vollen drei Wochen des Experiments – und hätten vielleicht noch länger überlebt, wenn der Versuch weitergeführt worden wäre.
Der Verschmelzungsprozess verlief rasend schnell. Bereits nach einer Stunde bewegten sich die verbundenen Lappen synchron. Eine weitere Stunde später waren ihre Bewegungen zu 95 % aufeinander abgestimmt. Nach nur einer Nacht war die Grenze zwischen den ehemals separaten Quallen kaum noch zu erkennen. Ihre äußeren Gewebe wirkten „nahtlos“, berichteten die Biologen in ihrer Studie, die in Current Biology veröffentlicht wurde.
Verbundene Sinne und synchronisierte Verdauung
Die Nervensysteme der Quallen passten sich ebenfalls aneinander an. Als die Forscher eine Seite einer verschmolzenen Qualle berührten, reagierte die andere Seite mit einer synchronen Muskelkontraktion – ein Beweis dafür, dass ihre Nervensysteme irgendwie miteinander verbunden waren.
Doch damit nicht genug: Selbst das Verdauungssystem agierte als Einheit. In einer ihrer Videoaufnahmen zeigten die Forscher, wie eine Hälfte einer verschmolzenen Qualle eine mit fluoreszierendem Farbstoff markierte Salzgarnelenlarve fraß. Während sie das Futter verdauten, konnten fluoreszierende Partikel in die andere Hälfte der Qualle wandern – die schließlich den Abfall ausscheiden musste.
„Der Transport von Verdauungspartikeln durch die verbundenen Kanäle zeigt, dass diese Systeme nicht nur physisch verbunden, sondern auch funktionell gekoppelt sind“, schrieben die Wissenschaftler. Doch eine offene Frage bleibt: Da nur eine Seite die Ausscheidung übernahm, könnte es sein, dass die Quallen zwar eng miteinander verbunden, aber nicht vollständig zu einem einzigen Organismus verschmolzen sind.
Was bedeutet das für die Wissenschaft?
Noch ist nicht ganz klar, warum diese Verschmelzung den Quallen einen Überlebensvorteil verschafft. Die Forscher wollen weiter untersuchen, wie genau sich ihre Nervensysteme verbinden und ob es eine Grenze gibt, wie viele Quallen miteinander verschmelzen können.
Die Erkenntnisse könnten aber nicht nur für die Meeresbiologie wichtig sein. Rippenquallen scheinen keine Fähigkeit zur sogenannten Alloreaktion zu besitzen – also zur Erkennung, ob Zellen zum eigenen Körper oder zu einem Fremdkörper gehören. Diese Eigenschaft spielt bei Organtransplantationen und der Immunabwehr eine entscheidende Rolle. Falls Wissenschaftler verstehen, wie Quallen diese Barriere umgehen, könnten sie eines Tages neue medizinische Durchbrüche in der Regenerationstherapie ermöglichen.
Kurz gesagt: Diese bizarren Quallen haben vielleicht den Schlüssel zur Heilung in sich – wortwörtlich.