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Wissenschaft

Die „Pandemie des Stresses“: Was sie bedeutet und wie man die Kontrolle übernimmt – laut einer spanischen Psychiaterin

Stress ist in der heutigen Gesellschaft zu einem chronischen Problem geworden, das sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit beeinträchtigt. Die spanische Psychiaterin Rosa Molina warnt davor, dass wir im Zeitalter des „Anxiolytikums“ leben, und erklärt, wie der Körper das ausdrückt, was der Geist nicht zu verbalisieren vermag.
Von Thomas Handley Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

Mit einer umfassenden Erfahrung in Neuropsychiatrie und Psychogeriatrie ist Rosa Molina eine entschiedene Verfechterin der engen Verbindung zwischen Geist und Körper. „Somatisierungen sind körperliche Manifestationen, die auf emotionale Zustände reagieren“, erklärt sie. Schon eine einzige Beleidigung kann eine unmittelbare Reaktion im Körper auslösen – etwa einen Anstieg des Blutdrucks oder das Aufstellen der Körperhaare.

Diese Wechselwirkung zwischen Psyche und Physis ist laut Molina die Grundlage für den Erfolg psychotherapeutischer Ansätze. Sie beruft sich auf die Forschung des Medizin-Nobelpreisträgers Eric Kandel, der bewiesen hat, dass Worte neuronale Veränderungen im Gehirn hervorrufen können. „Unser Geist spiegelt sich in unserem Körper wider, und unser Körper ist die Bühne unserer Emotionen“, betont die Psychiaterin.

Die Körpersprache als Spiegel der Emotionen

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© Unsplash – Sincerely Media

Emotionen werden nicht immer durch Worte ausgedrückt. Oft manifestieren sie sich in körperlichen Symptomen – ein Phänomen, das als Somatisierung bekannt ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass die betroffene Person ihr Leiden erfindet, sondern dass sie unbewusst ausdrückt, was sie nicht in Worte fassen kann.

Die Neigung zur Somatisierung hängt sowohl von individuellen als auch von kulturellen Faktoren ab. In Gesellschaften, in denen körperliches Leiden eher akzeptiert wird als emotionales, sind Menschen möglicherweise eher geneigt, körperliche Beschwerden zu entwickeln, anstatt ihre Emotionen direkt zu äußern.

Molina betont, dass die heutige Gesellschaft vom Paläolithikum über das Neolithikum nun ins „Anxiolytikum“ übergegangen ist. Stress hat sich zu einer stillen Pandemie entwickelt, die die Häufigkeit psychosomatischer Symptome immer weiter steigen lässt.

Die Lösung, so die Expertin, sei eigentlich ganz einfach: Emotionen in Worte fassen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass allein das Benennen einer Emotion – etwa „Ich bin traurig“ oder „Ich fühle mich frustriert“ – ihre Intensität verringern kann.

Dieses Verbalisationstraining ist besonders in der Kindheit von entscheidender Bedeutung. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, ihre Emotionen zu erkennen und auszudrücken. Geschieht dies nicht, können sie Schwierigkeiten in der emotionalen Selbstregulation im Erwachsenenalter entwickeln.

Strategien zur Kontrolle von Stress

Neben der Fähigkeit, Emotionen zu verbalisieren, erinnert Molina daran, dass gesunde Lebensgewohnheiten entscheidend für das emotionale Gleichgewicht sind. Ernährung, Bewegung und vor allem ausreichender Schlaf spielen dabei eine zentrale Rolle.

„Schlaf ist essenziell“, betont sie. Schlafmangel macht uns impulsiver, reizbarer und anfälliger für schlechte Entscheidungen. Wer zu wenig schläft, hat große Schwierigkeiten, seine Emotionen zu regulieren.

Schließlich verweist sie darauf, dass es in manchen Fällen notwendig ist, Hilfe zu suchen. Mit einer nahestehenden Person zu sprechen oder sich an einen Facharzt für psychische Gesundheit zu wenden, kann ebenfalls ein wichtiger Schritt im emotionalen Regulationsprozess sein.

Für Molina liegt der Schlüssel darin, zu verstehen, dass Geist und Körper eine untrennbare Einheit bilden. Die Förderung emotionaler Regulation von Kindesbeinen an und die bewusste Pflege gesunder Gewohnheiten können den Unterschied im Kampf gegen die „Pandemie des Stresses“ ausmachen.

Sich bewusst zu machen, wie wir uns fühlen, und unsere Emotionen mit Worten auszudrücken, ist der erste Schritt zu mehr Wohlbefinden.

[Quelle: La Nación]

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