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Wissenschaft

Die neueste HIV-Heilung ist die bisher vielversprechendste

Ein anonymer Patient, genannt der "nächste Berliner Patient", ist die erste Person, die ohne gespendete Stammzellen von jemandem, der genetisch immun gegen HIV ist, geheilt wurde.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Ärzte haben offenbar erneut eine Person von HIV geheilt – diesmal durch eine Knochenmarktransplantation. Doch anders als bei früheren Fällen brauchte der Patient keine Stammzellen von einem Spender, der genetisch gegen HIV resistent ist. Diese Entwicklung könnte unser Verständnis darüber, wie man HIV in Zukunft behandeln könnte, verändern. Dennoch sind solche Transplantationen für die meisten Betroffenen weiterhin keine praktikable Lösung.

Ein Durchbruch aus Deutschland

Der Erfolgsgeschichte zufolge handelt es sich um einen 60-jährigen Mann aus Deutschland, der 2009 mit HIV diagnostiziert wurde. Sechs Jahre später, im Jahr 2015, erhielt er zudem die Diagnose akute myeloische Leukämie (AML), eine aggressive Form von Blutkrebs. Die Ärzte rieten ihm schließlich zu einer Knochenmarktransplantation – ein radikaler Eingriff, bei dem das Immunsystem des Patienten durch das eines gesunden Spenders ersetzt wird.

Durchgeführt wurde die Transplantation an der Berliner Charité. Genau dort hatte ein Ärzteteam 2007 erstmals eine Knochenmarktransplantation zur Krebsbehandlung durchgeführt, die gleichzeitig zur Heilung von HIV führte. Der Patient damals entschied sich für Anonymität und wurde als „Berliner Patient“ bekannt. Später offenbarte er sich als Timothy Ray Brown und setzte sich bis zu seinem Tod 2020 infolge eines erneuten Leukämierückfalls für HIV/AIDS-Betroffene ein. Der aktuelle Patient bleibt anonym und trägt nun den Beinamen „der nächste Berliner Patient“.

Eine Heilung ohne komplette Immunität

Bislang erhielten die meisten Patienten, die über eine Knochenmarktransplantation von HIV geheilt wurden, Stammzellen von Spendern mit zwei Kopien einer bestimmten Mutation des CCR5-Gens. Diese Mutation, bekannt als CCR5-delta 32, macht Immunzellen resistent gegen HIV-1, die häufigste Form des Virus. Die Idee dahinter: Wird das resistente Immunsystem eines Spenders auf einen HIV-Infizierten übertragen, könnte der Körper das Virus dauerhaft eliminieren.

Nur wenige Menschen weltweit tragen jedoch zwei Kopien dieser Mutation. Bei der Suche nach einem passenden Spender fand das Ärzteteam der Charité lediglich eine Person mit einer einzigen Kopie. Doch entgegen aller Erwartungen funktionierte die Transplantation trotzdem: Der Patient setzte seine HIV-Medikamente bereits 2018 ab, und seither ist das Virus in seinem Körper nicht mehr nachweisbar. Auch seine Leukämie gilt als geheilt. Damit ist er die siebte Person, die über eine Stammzelltherapie von HIV geheilt wurde – und die erste, die keine zwei Kopien der CCR5-delta 32-Mutation benötigte.

Der Fall wurde auf der AIDS 2024, der 25. Internationalen AIDS-Konferenz, präsentiert.

„Ein gesunder Mensch hat viele Wünsche, ein kranker nur einen“, erklärte der „nächste Berliner Patient“ in einer Mitteilung der International AIDS Society, die die Konferenz veranstaltet.

Was bedeutet dieser Durchbruch?

Noch ist unklar, wie genau dieser Patient das Virus komplett loswerden konnte. Menschen mit nur einer Kopie der CCR5-delta 32-Mutation können sich zwar weiterhin mit HIV infizieren, allerdings scheint ihr Infektionsrisiko geringer zu sein. Möglicherweise reicht also bereits eine einzige Kopie, um das Virus aus einem infizierten Körper zu eliminieren. Eine andere Theorie besagt, dass allein der Prozess der Immunzell-Erneuerung – also das Ersetzen des infizierten Immunsystems durch das eines Spenders – ausreichen könnte, um das Virus zu entfernen.

Allerdings haben sich HIV-Infektionen bei anderen Patienten, die Stammzellen ohne die CCR5-delta 32-Mutation erhielten, nach kurzer Zeit wieder gezeigt. Es scheint also, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen, etwa wie schnell das neue Immunsystem des Spenders die Kontrolle übernimmt.

Keine allgemeine Heilung, aber eine neue Perspektive

Stammzelltransplantationen sind aufgrund ihrer schweren und potenziell lebensgefährlichen Nebenwirkungen nur eine Notlösung, meist für Patienten mit Krebs oder anderen schweren Erkrankungen. Heutzutage können die meisten HIV-Infizierten das Virus mit antiretroviralen Medikamenten kontrollieren, sodass sie es nicht mehr übertragen. Daher wird die Stammzelltherapie keine generelle Heilung für HIV-Infizierte werden.

Dennoch könnten die Erkenntnisse aus diesen Fällen helfen, bessere und praktikablere Heilmethoden zu entwickeln. Sie könnten auch für Patienten von Nutzen sein, die aus anderen medizinischen Gründen eine Stammzelltransplantation benötigen.

„Die Erfahrung des ’nächsten Berliner Patienten‘ legt nahe, dass wir den Spenderpool für diese Art von Behandlungen erweitern können“, erklärte Sharon Lewin, Präsidentin der International AIDS Society. „Dies ist auch vielversprechend für künftige Heilungsstrategien auf Basis der Gentherapie, da es darauf hindeutet, dass nicht jede einzelne Kopie des CCR5-Gens entfernt werden muss, um eine Remission zu erreichen.“

Dieser Fall zeigt, dass die Wissenschaft der Heilung von HIV immer näher kommt. Während Stammzelltransplantationen nicht die Lösung für alle Betroffenen sind, liefern sie wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Therapieansätze – und geben Millionen von Menschen Hoffnung.

 

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