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Wissenschaft

Die ersten Krebschirurgen der Geschichte? – Wie altägyptische Ärzte offenbar Tumore operierten

Ein neues Forschungsprojekt enthüllt eine erstaunliche Entdeckung: Schon vor über 4.000 Jahren könnten altägyptische Mediziner versucht haben, Krebsgeschwüre chirurgisch zu entfernen – und das mit erstaunlichem Geschick.
Von Ed Cara Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Archäologischer Befund mit medizinischem Pioniergeist

Krebs galt lange als moderne Krankheit – eine, die erst mit zunehmendem Alter der Menschheit und dem heutigen Lebensstil so richtig ins Bewusstsein rückte. Doch eine neue Studie zeigt: Der Kampf gegen Krebs hat viel ältere Wurzeln, als bislang angenommen. Ein internationales Forschungsteam hat bei der Analyse von zwei antiken Schädeln Hinweise auf chirurgische Eingriffe zur Entfernung von Tumoren entdeckt – und das in Überresten, die über vier Jahrtausende alt sind.

Die Schädel stammen aus der renommierten Duckworth-Sammlung der Universität Cambridge. Exemplar „236“ gehörte einem Mann um die 30, der zwischen 2687 und 2345 v. Chr. lebte. Der zweite Schädel, „E270“, gehörte einer Frau über 50, die zwischen 663 und 343 v. Chr. starb.

Mikroskopische Spuren einer frühen Operation

Bei der Untersuchung unter dem Mikroskop trauten die Forschenden ihren Augen kaum: Beide Schädel zeigten deutliche Spuren großflächiger, zerstörerischer Krebsherde. Besonders auffällig war der männliche Schädel 236 – übersät mit kleinen Läsionen, was auf eine fortgeschrittene, metastasierte Krebserkrankung hindeutet.

Doch das eigentlich Spektakuläre: Rund um einige dieser Tumore entdeckte das Team feine Schnittspuren – exakt dort, wo der Knochen vom Krebs angegriffen worden war. Die Lage und Form der Schnitte deuten darauf hin, dass jemand versucht hat, die befallenen Stellen mit scharfen Metallinstrumenten herauszuschneiden. Eine medizinische Intervention, die Tausende Jahre vor moderner Onkologie stattfand.

Ein medizinischer Meilenstein – wortwörtlich gemeißelt

„Wir waren anfangs sehr skeptisch, als wir diese Schnittmarken unter dem Mikroskop sahen – obwohl sie eindeutig waren“, erklärt Mitautor Edgard Camarós, Paläopathologe an der Universität Santiago de Compostela, gegenüber Gizmodo. „Es hat eine Weile gedauert, bis uns klar wurde, dass wir hier einen echten Meilenstein der Medizingeschichte vor uns haben.“

Wenn sich diese Interpretation bestätigt, wäre es die älteste bekannte Spur einer chirurgischen Krebsbehandlung in der Menschheitsgeschichte – ein absoluter Gamechanger für unser Verständnis früher medizinischer Praktiken. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Frontiers in Medicine.

Operation mit wenig Erfolgsaussicht

Klar ist aber auch: Diese Operation hatte kaum eine Chance auf Erfolg. Der Tumor im Schädel 236 war weit fortgeschritten, der Knochen stark geschädigt – und die Schnittspuren wurden perimortal datiert, also auf kurz vor dem Tod des Patienten. Es ist deshalb gut möglich, dass der Eingriff mehr ein verzweifelter letzter Versuch war als eine wirkungsvolle Behandlung.

Eine andere Theorie: Die Schnitte könnten auch postmortal erfolgt sein, vielleicht als Teil einer medizinischen Untersuchung oder einer Art „Autopsie“, um mehr über die Krankheit zu erfahren. Auch das wäre ein Hinweis auf das medizinische Interesse der altägyptischen Heiler – und auf ihren Versuch, diese rätselhafte, zerstörerische Krankheit zu begreifen, lange bevor es überhaupt den Begriff „Krebs“ gab.

Ein Blick in die medizinische Vergangenheit der Menschheit

Die Studie öffnet nicht nur ein Fenster in die medizinische Praxis des alten Ägyptens, sondern wirft auch spannende Fragen über das damalige Verständnis von Gesundheit und Krankheit auf. Die Forscher betonen jedoch, dass archäologische Funde oft unvollständig sind – und Interpretationen daher variieren können.

Interessant ist auch ein anderer Befund: Bei einem weiteren Schädel – Nummer 250 – fanden die Wissenschaftler Hinweise auf eine überstandene, gut verheilte Kopfverletzung. Sie vermuten, dass diese Frau an einem Kampf beteiligt gewesen sein könnte. Vielleicht war sie sogar in militärische Auseinandersetzungen verwickelt. Auch hier gilt: Es braucht noch mehr Forschung, um solche Hypothesen zu stützen.

Der Ursprung der Krankheit Krebs

Für Camarós und sein Team ist diese Arbeit erst der Anfang. „Der nächste Schritt ist, besser zu verstehen, welche Beziehung Menschen in früheren Epochen zur Krankheit Krebs hatten“, so der Forscher. Ziel sei es, die „Biografie des Krebses“ nachzuzeichnen – von den frühesten Spuren in der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart.

Der Fund ist eine faszinierende Erinnerung daran, wie tief die Wurzeln der Medizin reichen – und wie sehr sich Menschen schon in der Antike mit denselben fundamentalen Fragen beschäftigten wie wir heute: Wie heilt man? Wie lindert man Leid? Und wie viel versteht man von dem, was im Inneren des Körpers geschieht?

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