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Wissenschaft

Die älteste Präsenz von Homo sapiens auf der Erde entdeckt: vor 150.000 Jahren

Ein sensationeller Fund in der Elfenbeinküste stellt unser bisheriges Wissen über die ersten Menschen in Afrika infrage. Steinwerkzeuge, die mitten im Regenwald entdeckt wurden, deuten darauf hin, dass unsere Spezies diese Umgebung bereits vor 150.000 Jahren bewohnte – viel früher als bisher angenommen. Diese Entdeckung stellt die klassische Theorie über die Ursprünge des Homo sapiens in Frage und wirft neue Fragen zu seiner Ausbreitung auf.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Seit Jahrzehnten wurde die Evolution des Homo sapiens mit den offenen Savannen Afrikas in Verbindung gebracht, wo die ältesten Fossilien gefunden wurden. Doch nun stellt ein Fund in der Elfenbeinküste diese Sichtweise auf den Kopf. Ein Forscherteam konnte Steinwerkzeuge datieren, die inmitten eines dichten Regenwaldes entdeckt wurden – und die Beweise zeigen, dass Menschen in diesen Umgebungen viel früher lebten, als man es für möglich gehalten hatte.

Eine vergessene Entdeckung, die die Geschichte umschreibt

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Bereits in den 1980er Jahren hatte eine sowjetisch-ivorische Expedition Steinwerkzeuge in einem dichten Waldgebiet der Elfenbeinküste entdeckt. Doch die damalige Technologie erlaubte keine präzise Datierung, und die Funde gerieten inmitten politischer Konflikte in Vergessenheit. Erst 2020 gelang es Wissenschaftlern, die Fundstätte wiederzuentdecken – mit erstaunlichen Ergebnissen: Einige der Werkzeuge sind 150.000 Jahre alt.

Bisher nahm man an, dass die ersten Homo sapiens-Populationen Wälder mieden, da sie als natürliche Barrieren galten. Die vorherrschende Theorie besagte, dass unsere Spezies vor etwa 300.000 Jahren in einer Savannenlandschaft entstand und sich von dort aus verbreitete. Doch die neuen Beweise aus der Elfenbeinküste zeigen, dass die ersten Menschen sich nicht nur an Regenwälder anpassten, sondern sie über Zehntausende von Jahren hinweg bewohnten.

Beweise, die klassische Theorien herausfordern

Die Sedimentanalysen der Fundstätte zeigen, dass der Ort zwischen vor 150.000 und 50.000 Jahren kontinuierlich bewohnt war, mit einer späteren Nutzung zwischen 20.000 und 12.000 Jahren vor heute. Untersuchungen von Pollen und organischen Rückständen belegen, dass es sich um einen dichten Regenwald handelte – was darauf hindeutet, dass Homo sapiens nicht nur in offenen Landschaften, sondern auch in feuchten, bewaldeten Regionen Afrikas existierte.

Laut Eslem Ben Arous, einer Expertin für Datierung und Hauptautorin der in Nature veröffentlichten Studie, bestätigt dieser Fund, dass unsere Spezies mehrere Ursprünge innerhalb Afrikas hatte. Dies widerspricht der bisherigen Theorie eines einzigen Ursprungsortes und legt nahe, dass sich die ersten Menschen in verschiedenen Ökosystemen parallel entwickelten, darunter auch die tropischen Regenwälder.

Was bedeutet das für die menschliche Evolution?

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Die Studie stützt die Idee, dass Homo sapiens nicht an einem einzigen Ort entstand, sondern dass seine Evolution das Ergebnis von Interaktionen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen Ökosystemen war. In diesem Zusammenhang betont Antonio Rosas, Paläoanthropologe am CSIC, dass unsere herkömmliche Vorstellung der menschlichen Evolution zu linear ist. Tatsächlich hätten verschiedene Populationen über Jahrtausende zur genetischen, kognitiven und kulturellen Vielfalt unserer Spezies beigetragen.

Wissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass wir heute mehr über die Neandertaler in Europa wissen als über unsere eigenen Ursprünge in Afrika. Neue archäologische Grabungen in bislang wenig erforschten Regionen liefern jedoch immer mehr entscheidende Hinweise. Erst kürzlich wurde in Äquatorialguinea eine 40.000 Jahre alte Werkzeugfundstätte entdeckt – ein weiterer Beweis dafür, dass unsere Vorfahren in Regenwald-Umgebungen lebten und über fortschrittliche Technologie und soziale Strukturen verfügten.

Die Zukunft der Forschung in Afrikas Regenwäldern

Leider wurde die ursprüngliche Fundstätte Bété 1 im Jahr 2022 zerstört, als das Gebiet für den Bergbau freigegeben wurde. Doch der ivorische Archäologe Yodé Guedé ist überzeugt, dass es noch viele unentdeckte Stätten in den Regenwäldern seiner Heimat gibt. Experten vermuten, dass zukünftige Forschungen noch mehr Beweise zutage fördern werden, die unser Verständnis der Evolution des Homo sapiens weiter revolutionieren könnten.

Dieser Fund in der Elfenbeinküste verändert nicht nur unsere Vorstellung von der Vergangenheit, sondern öffnet auch die Tür zu zukünftigen Entdeckungen, die neue Puzzleteile zur Geschichte unserer Spezies hinzufügen könnten.

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