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Wissenschaft

Der offene Krieg gegen Wissenschaftler: Warum Israels neue Angriffe auf Irans Atomforscher einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen

Was früher streng geheime Operationen waren, spielt sich nun im grellen Licht der Weltpolitik ab: Israels gezielte Tötung iranischer Atomforscher markiert eine neue Eskalationsstufe in einem jahrzehntealten Katz-und-Maus-Spiel. Doch die Geschichte zeigt: Solche Aktionen dürften kaum verhindern, dass sich der Iran weiter nuklear aufrüstet – im Gegenteil.
Von Jenna Jordan & Rachel Whitlark, The Conversation Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Mindestens 14 Wissenschaftler sollen bei der israelischen Operation „Rising Lion“ ums Leben gekommen sein, die am 13. Juni 2025 begann und offiziell darauf abzielt, Irans nukleare Fähigkeiten zu zerstören oder zu schwächen.

Unter den Getöteten: Mohammad Mehdi Tehranchi, theoretischer Physiker und Präsident der Islamischen Azad-Universität, sowie Fereydoun Abbasi-Davani, Nuklearingenieur und ehemaliger Leiter der iranischen Atomenergieorganisation. Beide galten als potenzielle Nachfolger von Mohsen Fakhrizadeh, dem 2020 ermordeten „Architekten“ von Teherans Atomprogramm.

Dass Wissenschaftler ins Visier genommen werden, ist keine neue Strategie. Als Politikwissenschaftler, die ein Buch über genau diese Praxis schreiben, haben wir fast 100 dokumentierte Fälle von 1944 bis heute untersucht: Entführungen, Einschüchterungen, Attentate auf Forscher in gegnerischen Rüstungsprogrammen.

Doch was jetzt passiert, sprengt die bisherigen Muster: Israel agiert nicht mehr im Verborgenen, sondern bekennt sich offen zu den Tötungen – und kombiniert sie mit massiven militärischen Schlägen auf iranische Nuklearanlagen und Infrastruktur.

Eine Strategie mit langer Geschichte

Die gezielte Jagd auf Atomforscher begann bereits im Zweiten Weltkrieg. Damals wollten Alliierte und Sowjets deutsche Wissenschaftler für sich gewinnen oder daran hindern, Hitlers Bombe zu bauen.

Seitdem haben mindestens vier Staaten diese Taktik genutzt – allen voran die USA und Israel. Besonders häufig traf es Forscher aus Ägypten, dem Irak und dem Iran. Schon vor „Rising Lion“ wurden seit 2007 zehn iranische Atomexperten getötet. Auch europäische Fachleute gerieten ins Visier: 1980 etwa explodierte ein Sprengsatz bei dem italienischen Ingenieur Mario Fiorelli, als Warnung an europäische Unterstützer des irakischen Atomprogramms.

Dass Israel erneut zuschlägt, überrascht nicht. Seit Jahren ist es erklärtes Ziel sämtlicher israelischer Regierungen, Teheran am Bau einer Bombe zu hindern. Und angesichts der veränderten Lage im Nahen Osten war ein Angriff schon länger erwartet worden.

Ein verwundeter Gegner – und neue Eskalation

Der Iran ist derzeit militärisch geschwächt. Israel hat die Führung und Infrastruktur seiner Verbündeten Hamas und Hisbollah systematisch zerstört. Nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien verlor Teheran zudem einen wichtigen Verbündeten. Mit zerlegten Luftabwehrsystemen rund um Teheran und seine Atomanlagen ist der Iran heute anfälliger für Angriffe denn je.

Parallel hat Teheran seine Urananreicherung zuletzt stark ausgeweitet – inzwischen über 60 Prozent hinaus, nur einen Schritt entfernt von waffenfähigem Material. Nachdem Donald Trump einst das Atomabkommen aufgekündigt hatte, scheiterten neue Verhandlungen bislang. Aktuell wirft die Internationale Atomenergiebehörde dem Iran Verstöße gegen seine Verpflichtungen vor.

Warum gerade Wissenschaftler töten?

Solche „Decapitation Strikes“ sollen Wissen und Erfahrung auslöschen, Programme verzögern und hohe Kosten verursachen. Laut israelischem Militär sei der Angriff ein „bedeutender Schlag gegen die Fähigkeiten des Regimes, Massenvernichtungswaffen zu erlangen“.

Doch Experten bezweifeln die Wirksamkeit dieser Taktik: Es gibt Tausende weiterer Wissenschaftler in Iran. Zudem könnten solche Morde nationalen Trotz wecken, das Programm langfristig sogar beschleunigen.

Rechtlich und moralisch bleibt das Vorgehen ohnehin umstritten: Forscher gelten als Zivilisten. Werden sie zu Märtyrern, droht eine neue Welle öffentlicher Empörung und möglicher Vergeltung.

Historisch fragwürdige Wirkung

In der Praxis haben solche Angriffe bisher kaum Programme beendet. Schon der Mord an Fakhrizadeh 2020 stoppte das iranische Atomprojekt nicht. Oft treiben sie nationale Anstrengungen sogar erst recht an.

Trotzdem bleibt das gezielte Töten von Wissenschaftlern wohl ein fester Bestandteil im Instrumentenkasten der Staaten, die gegnerische Aufrüstung verhindern wollen. Im Fall des aktuellen israelisch-iranischen Konflikts dürfte diese Praxis fortgesetzt werden – und weit über den Krieg hinaus wirken.

Dieser Artikel wurde unter Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Den Originalartikel finden Sie auf der Website von The Conversation.

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