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Wissenschaft

Dein Gebiss verrät deine Neandertaler-Vorfahren – Studie enthüllt genetische Verbindung

Forschende entdecken Gene, die die Zahnform beeinflussen – eines stammt vermutlich von unseren ausgestorbenen Verwandten.
Von Margherita Bassi Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Während viele Menschen sich Sorgen um ein perfektes Lächeln machen, denken die wenigsten über die genaue Form ihrer Zähne nach. Doch vielleicht sollten sie es tun – denn die Gestalt deiner Zähne könnte teilweise auf Neandertaler-DNA zurückzuführen sein.

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Kaustubh Adhikari vom University College London (UCL) hat genetische Unterschiede entdeckt, die die Zahnform und -größe beeinflussen. Besonders spannend: Ein spezifisches Gen, das offenbar von Neandertalern geerbt wurde. Die Studie, veröffentlicht in Current Biology, könnte in Zukunft helfen, genetisch bedingte Zahnerkrankungen besser zu verstehen und zu behandeln.

Zahnuntersuchung auf genetischer Ebene

Die Forschenden, darunter Wissenschaftler der Fudan-Universität in China, analysierten mithilfe von 3D-Scans die Zahnabdrücke von 882 Probanden europäischer, indigen-amerikanischer und afrikanischer Abstammung. Sie verglichen die gemessenen Zahnmaße mit genetischen Daten der Teilnehmer und identifizierten 18 Genregionen, die mit der Größe und Form der Zähne zusammenhängen – davon wurden 17 dieser Regionen zum ersten Mal in diesem Kontext beschrieben.

„Zähne können uns eine Menge über die Evolution des Menschen verraten. Besonders gut erhaltene uralte Zähne sind für Archäologen extrem wertvoll – sie liefern Hinweise darauf, wann wir begannen, Nahrung zu kochen, und warum menschliche Zahnstrukturen schrumpften“, erklärt Adhikari in einer Mitteilung der UCL. „Doch bisher wussten wir kaum etwas über die genetischen Faktoren, die die Zahnform und -größe in der heutigen menschlichen Population bestimmen – einfach weil es schwierig ist, Zähne exakt zu vermessen.“

Jetzt konnten die Wissenschaftler jedoch gleich mehrere Gene identifizieren, die das Wachstum unserer Zähne beeinflussen – einige davon erklären auch Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen.

Neandertaler-Gen beeinflusst Schneidezahnform

Besonders bemerkenswert: Ein identifiziertes Gen stammt offenbar aus der Zeit, als unsere Vorfahren sich mit Neandertalern vermischten. Diese genetische Variante wurde ausschließlich bei Teilnehmern europäischer Abstammung gefunden und steht mit dünneren Schneidezähnen (von vorne nach hinten gemessen) in Verbindung. Zudem hatten Menschen mit diesem Gen generell kleinere Zähne.

Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Gen EDAR, das bereits früher mit der Schneidezahnform bei Ostasiaten in Verbindung gebracht wurde, auch die Breite aller Zähne beeinflusst.

„Unsere Ergebnisse zeigen allerdings nicht, ob diese Gene evolutionär ausgewählt wurden, weil sie bestimmte Vorteile für die Zahngesundheit hatten“, erklärt Andrés Ruiz-Linares von der UCL und der Aix-Marseille Universität, der die Studie mitleitete. „Es ist möglich, dass die Gene aufgrund anderer Vorteile selektiert wurden und die Veränderungen der Zahnform lediglich als Nebeneffekt entstanden sind.“

Mögliche medizinische Anwendungen

Die Studie zeigt außerdem, dass einige der Gene, die für normale Unterschiede in der Zahnstruktur verantwortlich sind, auch an krankhaften Variationen beteiligt sein könnten. Qing Li von der Fudan-Universität, ein weiterer Mitautor der Studie, erklärt: „Einige dieser Gene könnten eine Rolle bei pathogenen Variationen spielen – zum Beispiel wenn Zähne gar nicht erst wachsen oder andere Zahnerkrankungen auftreten.“

Diese Erkenntnisse könnten langfristig dazu beitragen, genetische Tests für bestimmte Zahnprobleme zu entwickeln oder sogar künftige Gentherapien für Zahnanomalien zu ermöglichen.

Ob und wann diese Forschungsergebnisse zu praktischen medizinischen Anwendungen führen werden, bleibt jedoch abzuwarten. Bis dahin können wir uns damit trösten, dass unsere Zähne nicht das Einzige sind, was wir von den Neandertalern geerbt haben – auch unsere Schmerzempfindlichkeit und Nasenformen gehen möglicherweise auf unsere urzeitlichen Verwandten zurück.

 

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