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Wissenschaft

Das verborgene Rätsel in der Keramik: Ein Fund, der die Geschichte der Schrift infrage stellt

Eine jüngste archäologische Entdeckung hat die Fachwelt erschüttert und eine jahrtausendealte Debatte neu entfacht. Auf einem Keramikfragment, das über Jahrtausende vergraben war, haben Forscher Spuren dessen gefunden, was möglicherweise die älteste Schrift Chinas ist. Sollte sich dies bestätigen, würde dieser Fund unser Verständnis darüber, wie die Schrift in einer der ältesten Zivilisationen der Welt entstand, für immer verändern.
Von Martín Nicolás Parolari Übersetzt von

Lesezeit 2 Minuten

In der nördlichen Region der Inneren Mongolei haben Archäologen eine Keramikscherbe mit chinesischen Schriftzeichen entdeckt. Die Ausgrabung erfolgte in den Ruinen der Xiajiadian-Kultur in der Stadt Chifeng.

Laut Lian Jilin, einem Experten der regionalen Behörde für Kulturerbe und Archäologie, sind die entdeckten Zeichen etwa 4.000 Jahre alt.

Sollte sich dies bestätigen, wären sie um 800 Jahre älter als die bislang ältesten anerkannten Schriftzeugnisse Chinas.

Bislang galten die sogenannten „Orakelknochen“-Inschriften der Shang-Dynastie mit einem Alter von 3.200 Jahren als die ältesten gesicherten Spuren der chinesischen Schrift.

Doch dieser Fund könnte die gesamte bisherige Zeitachse der Schriftentwicklung in China infrage stellen.

Ein Zeugnis ritueller Opferungen?

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Analysen des Nationalmuseums von China bestätigen, dass die gefundenen Zeichen tatsächlich geschriebene Schriftzeichen sind. Sie wurden wahrscheinlich mit Tinte und einem Pinsel aus Tierhaaren aufgetragen.

Erste Interpretationen legen nahe, dass die Zeichen in rituellen Opferpraktiken verwendet wurden.

Diese Theorie stützt die Hypothese, dass die Schrift in China ursprünglich in religiösen und zeremoniellen Kontexten entstand.

Doch das wirft eine noch größere Frage auf: Diente die Schrift in ihren Anfängen ausschließlich rituellen Zwecken, oder hatte sie auch administrative und kommunikative Funktionen?

Eine offene Debatte

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Der Fund in der Inneren Mongolei ist nicht der erste, der die etablierte Chronologie der chinesischen Schrift infrage stellt.

Bereits im Jahr 2003 entdeckten Forscher in der Provinz Henan mögliche Schriftzeichen auf Schildkrötenpanzern – mit einer geschätzten Alter von 9.000 Jahren.

Doch der enorme zeitliche Abstand zwischen diesen Funden und den Orakelknochen der Shang-Dynastie hat in der Wissenschaft zu erheblichem Skeptizismus geführt.

Bis heute wird diskutiert, ob diese frühen Zeichen tatsächlich als Schrift gelten können oder ob es sich eher um symboleartige Vorformen handelt.

Die Xiajiadian-Kultur: Ein Wendepunkt in der Geschichte der Schrift?

Die Xiajiadian-Kultur, zu der die kürzlich entdeckte Keramik gehört, entwickelte sich zwischen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit.

Dies deutet darauf hin, dass die ersten Schriftsysteme möglicherweise viel früher entstanden sind als bisher angenommen – und sich über Jahrhunderte hinweg bis zur Shang-Dynastie weiterentwickelten.

Sollten künftige Untersuchungen bestätigen, dass diese Zeichen tatsächlich ein Teil der frühen chinesischen Schrift sind, könnte dies die gesamte Geschichte der schriftlichen Kommunikation in einer der ältesten Zivilisationen der Welt neu definieren.

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