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Wissenschaft

Das menschliche Gedächtnis speichert keine exakte Zeit: Eine neue Studie enthüllt, wie Wiederholungen unsere Wahrnehmung verzerren

Das menschliche Gedächtnis ist ein komplexer Mechanismus, der es uns ermöglicht, Ereignisse, Orte und Momente zu speichern. Doch im Gegensatz zu digitalen Archiven verfügen unsere Erinnerungen über keine exakte Zeitmarkierung.
Von Thomas Handley Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Daher ist unsere Wahrnehmung darüber, wann etwas geschehen ist, oft ungenau und anfällig für Verzerrungen. Ein Beispiel dafür ist der Effekt der Vertrautheit: Wenn wir ein Bild oder einen Namen mehrfach sehen, glauben wir, dass wir ihn kürzlich gesehen haben – auch wenn das nicht der Fall ist.

Eine neue Studie, die in New Scientist veröffentlicht wurde, zeigt, dass diese temporale Illusion viel häufiger auftritt als bisher angenommen. Wiederholte Ereignisse können unsere Wahrnehmung der Zeit erheblich verändern.

Ein Experiment, das das Gedächtnis herausfordert

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© Unsplash – Christopher Campbell

Die Forscherin Brynn Sherman von der Universität Pennsylvania untersuchte, wie sich wiederholte Erfahrungen auf unsere Zeitwahrnehmung auswirken.

Ihr Team führte ein Experiment durch, bei dem einer Gruppe von Teilnehmern fünf Blöcke mit jeweils 50 Bildern gezeigt wurden. Einige Bilder wurden nur einmal gezeigt, während andere mehrfach wiederholt wurden.

Anschließend sollten die Teilnehmer die Bilder auf einer Zeitachse anordnen und angeben, wann sie sie zum ersten Mal gesehen hatten.

Die Ergebnisse waren erstaunlich:

  • Wiederholte Bilder wurden besser erinnert, aber die Teilnehmer glaubten, sie seien viel früher gezeigt worden, als es tatsächlich der Fall war.
  • Je häufiger ein Bild wiederholt wurde, desto älter erschien es in der Wahrnehmung der Teilnehmer.

Dieses Phänomen, bekannt als „repetition-induced temporal displacement“ (zeitliche Verzerrung durch Wiederholung), stellt die gängige Vorstellung infrage, dass unser Gedächtnis Erinnerungen objektiv speichert.

Strategie oder unbewusste Verzerrung?

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© Unsplash – Lala Azizli

Die Forscher fragten die Teilnehmer, ob sie eine bewusste Strategie zur Anordnung der Bilder auf der Zeitachse verwendet hatten. Viele gaben an, dass sie davon ausgingen, dass wiederholte Bilder schon lange zuvor gezeigt worden sein mussten.

Doch als die Wissenschaftler die Daten analysierten, stellten sie fest, dass diese Illusion automatisch auftrat, ohne dass sich die Personen dessen bewusst waren.

Das bedeutet, dass es sich nicht um eine bewusste Gedächtnisstrategie handelt, sondern um eine tatsächliche Veränderung in der Art und Weise, wie unser Gehirn Erinnerungen organisiert.

Um zu testen, ob diese Verzerrung nur kurzfristig auftritt oder langfristig bestehen bleibt, führten die Forscher einen zweiten Versuch über eine gesamte Woche durch.

Jeden Tag sahen die Teilnehmer 100 neue Bilder, und am Ende der Woche sollten sie diese erneut zeitlich einordnen.

Die Ergebnisse waren eindeutig:

  • Die zeitliche Verzerrung hielt mehrere Tage an, was darauf hinweist, dass das Gehirn Erinnerungen dynamisch und nicht fix speichert.
  • Das Phänomen tritt langfristig auf, was bestätigt, dass unser Gedächtnis kein exaktes Abbild der Realität ist, sondern sich ständig verändert.

Neue Theorien über Zeitwahrnehmung und Gedächtnis

Diese Entdeckung hat eine Debatte unter Neurowissenschaftlern ausgelöst. Alexander Easton, Forscher an der Universität Durham, erklärt, dass die Ergebnisse der bisherigen Annahme widersprechen, dass neuere Erinnerungen immer die stärksten sind.

Martin Wiener, Neurowissenschaftler an der George Mason University, schlägt eine alternative Erklärung vor: Unser Gehirn könnte die Dauer von Zeit auf ähnliche Weise verarbeiten, wie es physische Größen wahrnimmt. Je häufiger ein Ereignis auftritt, desto größer wird seine „zeitliche Dimension“, sodass wir es weiter in die Vergangenheit einordnen.

Diese Erkenntnisse könnten wichtige Anwendungen für die Erforschung von Gedächtnis, Zeitwahrnehmung und kognitiven Störungen wie Amnesie oder Alzheimer haben.

Wenn die Wiederholung von Ereignissen unsere Zeitwahrnehmung verändert, könnte dies erklären, warum Menschen mit Gedächtnisverlust bestimmte Erinnerungen an falsche Zeitpunkte setzen.

Außerdem bekräftigen diese Ergebnisse eine zentrale Erkenntnis: Das Gedächtnis ist keine exakte Aufzeichnung der Realität, sondern eine flexible Rekonstruktion, die von vielen Faktoren beeinflusst wird.

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