YouTube boomt auf dem Fernseher – und das hat Folgen
Laut YouTube-CEO Neal Mohan nutzen inzwischen mehr Menschen YouTube auf dem Fernseher als auf dem Smartphone. Zwar gibt es keine konkreten Nutzerzahlen, doch das Unternehmen verweist auf Daten des Marktforschungsunternehmens Nielsen. Demnach schauen User weltweit täglich über eine Milliarde Stunden YouTube-Inhalte auf dem großen Bildschirm. Mohan betont außerdem, dass TV-Nutzer auch Shorts auf dem Fernseher konsumieren.
Die Alphabet-Tochter hebt hervor, dass YouTube in den USA seit zwei Jahren die Nummer eins bei gestreamter Watch-Time ist – und damit sogar Netflix überholt hat. Ein Grund dafür könnte sein, dass YouTube auf dem TV mittlerweile immer mehr wie ein klassischer Streaming-Dienst funktioniert. Inhalte lassen sich problemlos auf verschiedenen Geräten weitersehen, egal ob auf dem Fernseher oder Smartphone. Zudem arbeitet YouTube an einer „Second Screen“-Funktion, mit der Nutzer interaktiv mit Videos auf dem TV-Bildschirm interagieren können. Ein weiteres Feature in der Testphase ist „Watch With“, das es Creatorn ermöglicht, Live-Kommentare zu Videos abzugeben – eine klare Kampfansage an Twitch.
YouTube will Werbeeinnahmen maximieren – und mobile Nutzer zahlen den Preis
In Alphabets jüngstem Quartalsbericht (Dezember 2024) hieß es, dass die Zahl der Creator, die den Großteil ihrer Einnahmen über TV-Bildschirme erzielen, um mehr als 30 % gestiegen ist. Kein Wunder: YouTube ist einer der profitabelsten Bereiche von Google. Allein im letzten Jahr stiegen die Werbeeinnahmen der Plattform um 12 %. Das erklärt auch, warum YouTube so aggressiv gegen Adblocker vorgeht – am liebsten hätte das Unternehmen, dass alle Nutzer auf dem eingeschränkteren Smart-TV zuschauen, wo Adblocker keine Chance haben.
YouTube auf dem Handy: Eine schlechtere Erfahrung
Verglichen mit der TV-App ist YouTube auf dem Handy eine deutlich schlechtere Erfahrung geworden. Die mobile App setzt zunehmend auf vertikales Swipen und drängt User in algorithmisch gesteuerte Inhalte. Der Haupt-Feed auf dem Smartphone erinnert immer mehr an YouTube Shorts – doch genau das ist nicht, was viele Nutzer wollen.
Langform-Videos sind nach wie vor extrem beliebt, aber sie erzeugen nicht die gleiche „Endlos-Engagement-Spirale“ wie TikToks Algorithmus. Die TV-App hingegen erleichtert es, gezielt durch die eigenen Abos zu stöbern und genau das zu finden, was man wirklich sehen möchte – genau wie bei Netflix oder anderen Streaming-Diensten.
Netflix zeigt, wie es besser geht: Die App bietet zwar ebenfalls Empfehlungen, aber gleichzeitig eine übersichtliche Organisation von Inhalten in horizontalen Reihen. So hat der Nutzer mehr Kontrolle, ohne in eine Endlosschleife aus belanglosen Kurzvideos gezogen zu werden.
Auf dem Smart-TV bietet YouTube eine deutlich bessere Auswahl an Inhalten. Zwar zeigt der Haupt-Feed auch dort nicht unbedingt alle abonnierten Kanäle, aber immerhin gibt es bessere Möglichkeiten, über „Empfohlene Videos“ oder „Weiter anschauen“ gezielt Inhalte zu finden. Die mobile App hingegen sorgt eher für „Brain Rot“ – wer sich mit schnellen Dopamin-Kicks zudröhnen will, kann gleich TikTok nutzen.
YouTube TV wird immer teurer – und trotzdem bleibt es beliebt
Ironischerweise boomt YouTube auf dem Fernseher gerade in einer Zeit, in der das Unternehmen die Preise für seinen Live-TV-Dienst immer weiter anzieht. Seit Dezember 2024 kostet YouTube TV stolze 83 Dollar im Monat – zehn Dollar mehr als zuvor. Damit liegt es auf dem gleichen Niveau wie Hulu Plus Live TV, bietet aber nicht einmal ein YouTube Premium-Abo als Zusatzleistung. Hulu Plus Live TV beinhaltet immerhin die werbefinanzierten Versionen von Disney+ und Hulu. Es scheint fast unvermeidlich, dass YouTube Premium bald ebenfalls teurer wird.
Für viele Nutzer dürfte das eine harte Entscheidung sein: Entweder zahlen sie für Premium oder sie ertragen noch mehr Werbung. Aber wenn man ohnehin mit Werbung bombardiert wird, dann doch lieber auf einem großen Bildschirm statt auf dem kleinen Smartphone-Display.
Fazit: YouTube sollte sich weniger an TikTok und mehr an Netflix orientieren
Die wachsende Popularität von YouTube auf dem Fernseher zeigt, dass die Plattform ihre Stärken eigentlich in der Langform hat. Statt die mobile App immer mehr in Richtung TikTok zu drängen, wäre es sinnvoller, sich an Netflix zu orientieren. Denn das Problem ist nicht, dass die Nutzer keine Lust auf lange Videos haben – sie wollen nur nicht, dass sie ihnen überhaupt nicht mehr angezeigt werden.
Wenn YouTube wirklich ein besseres Erlebnis auf dem Smartphone bieten möchte, sollte es den Nutzern wieder mehr Kontrolle über die Inhalte geben, die sie konsumieren. Wer sich einfach nur von einem endlosen Strom algorithmisch ausgewählter Kurzvideos berieseln lassen will, hat mit TikTok schon die perfekte App. YouTube war mal mehr als das – und könnte es auch wieder sein.