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Wissenschaft

Bedenklich: Vögel sind mit Plastik gefüllt

Ein verendetes Küken stellt einen neuen Rekord auf – mit 778 Plastikstücken im Magen.
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Lesezeit 3 Minuten

Stofftiere sind etwas Liebenswertes. Aber wenn es sich um ein echtes Jungtier handelt, dessen Magen mit Plastik gefüllt ist, wird aus Zärtlichkeit ein dystopischer Albtraum.

Doch dies geschieht nicht in einer fernen Fantasiewelt. Forschende des Adrift Lab, einer auf Meeresforschung spezialisierten Gruppe, waren entsetzt, als sie auf der australischen Lord-Howe-Insel – einem UNESCO-Weltnaturerbe – auf Vögel stießen, die „knisterten“. Und gleich am ersten Tag ihrer diesjährigen Feldarbeit fanden sie ein Küken, das 778 Plastikstücke verschluckt hatte – ein neuer Rekord in der 15-jährigen Geschichte des Labors für die größte je bei einem einzelnen Vogel gefundene Menge an Plastik.

„Dieses Jahr haben wir beschlossen, uns nicht mehr zu sagen: ‘Schlimmer kann es nicht werden’, denn jedes Jahr wird es schlimmer“, schrieb Adrift Lab in einer Mitteilung. „Wir können es nicht mehr als ‘erschreckend’ oder ‘beispiellos’ bezeichnen – das würde dem Ausmaß dessen, was wir sehen, nicht gerecht. Wir sind Wissenschaftler:innen, die an den Frontlinien von Umwelt-, Verschmutzungs- und Biodiversitätskrisen arbeiten – und wir können kaum in Worte fassen, was es für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden bedeutet, dies seit zwei Jahrzehnten mitzuerleben.“

Plastik als vermeintliche Nahrung

Das Team besucht die Inseln jedes Jahr, um die Auswirkungen der Plastikverschmutzung auf Seevögel wie Sturmschwalben zu beobachten – dunkel gefiederte, wandernde Meeresvögel mit langen Flügeln, berichtet CNN. Auch wenn die Fälle und Mengen verschluckten Plastiks zunehmen, war die diesjährige Feldsaison „sprachlos machend“, sagte Meeresbiologin Jennifer Lavers von Adrift Lab gegenüber CNN. Lavers und ihre Kolleg:innen vermuten, dass Elternvögel Plastik mit Nahrung verwechseln und es dann an ihre Küken verfüttern.

Knisternde Körper

Die 778 Plastikstücke, die im Magen des zwischen 80 und 90 Tage alten Küken gefunden wurden, deuten darauf hin, dass seine Eltern ihm täglich rund zehn Plastikfragmente gefüttert haben. Der bisherige Rekord lag bei etwa 400 Teilen, so das Labor.

„Dieser Vogel, wie so viele in den letzten Jahren, hatte enorme Mengen an Plastik im Magen. Wenn man seinen Bauch sanft drückt, hört man ein schauriges Knirschen, wenn sich die Plastikteile bewegen“, schrieben die Forschenden. „Wir nennen sie inzwischen ‘knusprige Vögel’, weil sie so klingen.“ Alex Bond, Ökologe bei Adrift Lab, sagte der Washington Post, dass auch lebende Vögel solche Geräusche von sich geben.

Und es geht längst nicht mehr nur um Mikroplastik – das inzwischen überall gefunden wurde, von Kaugummis bis hin zu menschlichen Hoden und Gehirnen. Bond berichtet, er habe größere Objekte wie Flaschendeckel, Sojasaucenbehälter, Besteck, Wäscheklammern und viele unidentifizierte Plastikfragmente entdeckt.

Langsames Sterben

Es überrascht kaum, dass das verschluckte Plastik den Vögeln schadet. Bei den Sektionen entdeckte das Team Narben an Nieren und Herzen sowie Hirnschäden bei jungen Sturmschwalben, so CNN. „Sie töten das Tier nicht sofort, aber sie führen zum Tod, weil die Tiere weniger lang leben und Schmerzen leiden“, sagte Lavers gegenüber CNN. Zudem stellten sie und ihre Kolleg:innen einen kontinuierlichen Rückgang von Körpermasse und Spannweite (Abstand zwischen den ausgebreiteten Flügelspitzen) fest.

Politik unter Druck

Diesen Frühling reiste der australische Senator Peter Whish-Wilson gemeinsam mit den Forschenden zur Lord-Howe-Insel. „Ich wünschte, alle Politiker:innen und Entscheidungsträger:innen in den Parlamenten dieser Welt – denn es ist ein globales Problem – könnten das erleben, was ich in nur 24 Stunden erlebt habe. Wenn sie herkämen und es selbst sehen würden, würden sie es verstehen“, sagte er gegenüber ABC Australia. „Wir gewinnen den Kampf gegen Müll nicht.“

Wissenschaftler:innen betrachten Seevögel oft als Indikatoren für die Gesundheit des marinen Ökosystems. Sie zu untersuchen, hilft, den Zustand der Ozeane zu verstehen. Diese Vögel sind wie Wächter – und sie senden uns eine eindringliche Warnung.

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