Der Teppich von Bayeux erzählt die epische Geschichte von Wilhelm von Normandies Eroberung Englands im Jahr 1066. Eine der frühesten Szenen auf dem etwa 68,3 Meter langen Kunstwerk zeigt Harold Godwinson, den letzten angelsächsischen König Englands, bei einem Festmahl in einem seiner Herrenhäuser im Dorf Bosham. Nun glauben Archäologen, die Ruinen dieses Herrenhauses entdeckt zu haben – und das alles dank einer Toilette.
Eine mittelalterliche Spur führt ins 21. Jahrhundert
Nach neuen Untersuchungen und der erneuten Analyse vergangener Ausgrabungen haben britische Archäologen das Gebäude identifiziert, das vermutlich Harold in Bosham gehörte. Das Herrenhaus wurde zweimal im Teppich von Bayeux dargestellt, doch sein tatsächlicher Standort war bis jetzt unbekannt. Ihre Forschung, die in einer am 9. Januar veröffentlichten Studie im Antiquaries Journal beschrieben wurde, verbindet die ikonische Stickerei noch stärker mit der realen Geschichte.
„Die normannische Eroberung ersetzte eine englische Aristokratie, von der nur wenige physische Überreste erhalten sind. Deshalb ist die Entdeckung in Bosham so bedeutend – wir haben ein angelsächsisches Prestige-Haus gefunden“, erklärte Oliver Creighton von der Universität Exeter in einer Mitteilung der Newcastle University.
Wissenschaftler hatten zuvor vermutet, dass ein heutiges Privathaus in Bosham auf dem Gelände des einstigen königlichen Herrenhauses steht. Dies gab den Archäologen der beiden Universitäten einen guten Ausgangspunkt für ihre Untersuchung. Neben der erneuten Analyse der Ausgrabungsergebnisse von 2006 führten sie neue Untersuchungen durch und analysierten historische Karten sowie weitere Aufzeichnungen. Dabei dokumentierten sie zwei bisher unbekannte Gebäude aus dem Mittelalter – einer Epoche, die in England mit Wilhelms Eroberung im Jahr 1066 begann.
Ein WC als Schlüsselfund zur Geschichte

Doch erst ein übersehenes Detail aus den Grabungen von 2006 führte zur entscheidenden Erkenntnis: eine Toilette, die zu einem großen Holzgebäude gehörte. Erst kürzlich stellten Archäologen fest, dass einige prestigeträchtige Residenzen in England ab dem 10. Jahrhundert mit Toiletten ausgestattet waren. Das große Holzgebäude musste also einer hochrangigen Persönlichkeit gehört haben.
Daher identifizierten Creighton und seine Kollegen es mit großer Sicherheit als Teil von Harolds „verlorenem“ Herrenhaus in Bosham – ein Gebäudekomplex, zu dem auch eine noch erhaltene Kirche gehört.
„Die Erkenntnis, dass die Ausgrabungen von 2006 im Grunde ein angelsächsisches Badezimmer entdeckt hatten, bestätigte uns, dass dieses Haus auf dem Gelände einer elitären Residenz aus der Zeit vor der normannischen Eroberung steht“, erklärte Duncan Wright von der Newcastle University, der die Studie leitete. „In Kombination mit allen anderen Beweisen gibt es keinen vernünftigen Zweifel mehr daran, dass wir hier das private Machtzentrum von Harold Godwinson gefunden haben, das so berühmt im Teppich von Bayeux dargestellt wird.“
Diese Entdeckung zeigt, dass alte Quellen – selbst kunstvolle Darstellungen wie der Teppich von Bayeux – oft weitaus genauer sind, als man denkt.