Apple befindet sich derzeit in den ersten Entwicklungsphasen von Gehirn-Computer-Schnittstellen, die es Menschen – insbesondere solchen mit motorischen Einschränkungen – ermöglichen sollen, ihre iPhones, iPads und Vision-Pro-Headsets mit neuronalen Signalen zu steuern, die durch diese neue Art von Gehirnimplantat erfasst werden.
Laut dem Wall Street Journal arbeitet Apple bei diesem Projekt mit Synchron zusammen – einem privat finanzierten Unternehmen aus New York, das von Jeff Bezos und Bill Gates unterstützt wird. Die Branche der Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) gilt als wachstumsstark in den kommenden Jahrzehnten. Der wohl bekannteste Akteur ist Elon Musks Neuralink, das im Januar erfolgreich seine Geräte in drei Personen implantierte.
Historisch gesehen waren die meisten Nutzer auf mechanische (Tastatur oder Maus) oder verhaltensbasierte (Touchscreens oder Sprache) Interaktionen angewiesen. Die Gehirn-Computer-Schnittstelle hingegen eliminiert die Notwendigkeit physischer Bewegung und erweitert den Zugang zu Geräten für Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen.
Weniger invasiv als Neuralink: Das Stentrode-Implantat
Im Gegensatz zum Neuralink-Implantat N1 wird das stentartige Synchron-Gerät mit dem Namen Stentrode nicht ins Gehirn, sondern darüber implantiert. Dadurch können Nutzer eine invasive offene Gehirnoperation vermeiden. Einmal platziert, liest die Stentrode über Elektroden die Signale des Gehirns aus und übersetzt sie in Bildschirmnavigation und die Auswahl von Symbolen.
Bereits zehn Implantationen
Das Synchron-Gerät funktioniert über die Schaltersteuerung – eine bereits vorhandene Barrierefreiheitsfunktion im Apple-Betriebssystem, mit der Nutzer ihren Mac mithilfe externer Geräte wie einem Joystick oder eben der Stentrode fernsteuern können. Seit 2019 hat Synchron die Stentrode bereits zehn Personen implantiert.
Das Journal besuchte Mark Jackson, einen Bewohner von Pittsburgh, der aufgrund seiner ALS-Erkrankung das Haus nicht verlassen kann. Jackson testete die Stentrode mit einem Apple Vision Pro. Mit dem Headset fühlte es sich für ihn an, als wäre er in die Schweiz transportiert worden, wo er an einem alpinen Abgrund stand und spürte, wie seine Beine zitterten.
Noch langsamer als mit Neuralink
Jackson erklärte, dass er die Stentrode nicht zur Simulation eines Cursors wie bei einer Maus oder einem Touchscreen nutzen könne – die Navigation sei daher deutlich langsamer als bei herkömmlicher Interaktion mit einem Computer oder Smartphone. Auch sei sie langsamer als bei Verwendung des Neuralink N1, das durch die größere Anzahl an Elektroden wesentlich mehr Gehirndaten erfassen kann als die Stentrode.
Diese neuesten Fortschritte im Bereich Gehirn-Computer-Schnittstellen gehen der vollständigen Zulassung solcher Implantate durch die FDA voraus, die laut dem Journal vermutlich noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird.
Apple als Pionier eines neuen Interface-Paradigmas
In einer Pressemitteilung lobte Dr. Tom Oxley, CEO und Mitbegründer von Synchron, Apple und sagte, das Unternehmen sei „ein Pionier des neuen Schnittstellen-Paradigmas, bei dem Gehirnsignale formell neben Berührung, Sprache und Tippen anerkannt werden. Wenn Gehirn-Computer-Schnittstellen als Integration in Apple-Geräte anerkannt sind, eröffnen sich neue Möglichkeiten für Menschen mit Lähmungen und anderen Krankheiten.“