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Kino und Serien

AMC startet mit KI-„Visual Dubbing“ durch – Schwedischer Film klingt (und sieht) plötzlich Englisch aus

AMC Theaters sorgt mit einer neuen KI-Technologie für Aufsehen: Willkommen in der Ära des „Visual Dubbing“.
Von Thomas Maxwell Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Statt eines klassischen Voice-Overs bekommt der schwedische Film Watch the Skies nicht nur eine englische Tonspur – auch die Gesichter der Schauspieler wurden digital angepasst, sodass es so wirkt, als würden sie von Anfang an Englisch sprechen.

Die Technologie stammt vom Unternehmen Flawless AI. Ihr Ziel: mehr Menschen ins Kino locken, die normalerweise von klassischen Synchronfassungen abgeschreckt sind. Denn oft stimmt beim Dubbing die Lippenbewegung nicht mit dem Gesagten überein – ein echtes No-Go für viele Cineasten. Visual Dubbing setzt genau da an: Die KI passt die Mimik der Schauspieler so an, dass sie scheinbar synchron zur neuen Sprache spricht. Klingt ein bisschen wie Science-Fiction, ist aber jetzt Realität.

Was Watch the Skies besonders macht: Die englische Fassung wurde nicht einfach per KI generiert, sondern von den Originaldarstellerinnen selbst eingesprochen – mit deren voller Zustimmung. Damit bleibt die Produktion im Einklang mit den Regeln der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA. Die Gewerkschaft hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch gegenüber KI geäußert, aus Sorge, dass echte Schauspielerinnen durch synthetische Stimmen ersetzt werden könnten. Bei diesem Projekt sei das aber kein Thema, da die Darsteller*innen aktiv mitgewirkt haben.

Trotzdem sorgt das Konzept für gemischte Reaktionen. Kritiker*innen bemängeln, dass solche Technologien andere Sprachen und Kulturen an den Rand drängen könnten. Schließlich habe gerade der internationale Film in den USA in den letzten Jahren massiv an Popularität gewonnen – mit einem Publikum, das sich immer häufiger für Untertitel statt Synchronfassungen entscheidet. Der Schritt zurück zur englischen „Standardisierung“ könnte daher als kulturelle Einbahnstraße wahrgenommen werden, vor allem in einer Zeit, in der kleinere nationale Filmindustrien gerade erst beginnen, global sichtbar zu werden.

Ein weiteres Argument gegen Visual Dubbing: Wenn Schauspielerinnen plötzlich auf Englisch performen – auch wenn es ihre eigene Stimme ist – geht vielleicht ein Teil der Emotion oder der sprachlichen Nuance verloren. Sprache ist schließlich mehr als nur Worte; sie transportiert Kultur, Identität und Stimmung. Doch viele sehen das gelassener. Die Qualität von Synchronisationen habe sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Am Ende, so sagen Befürworterinnen, solle jeder selbst entscheiden, wie er oder sie einen Film genießen möchte – mit Untertiteln, synchronisiert oder eben visuell angepasst.

AMC ist übrigens nicht allein mit diesem Ansatz. Auch andere Unternehmen experimentieren längst mit KI-basierten Übersetzungs- und Synchronlösungen. Ein prominentes Beispiel: YouTube-Star MrBeast, der bereits vor einigen Jahren begann, seine Videos aufwändig in andere Sprachen wie Spanisch oder Mandarin zu übersetzen. Damals war der Prozess allerdings noch sehr manuell und teuer. Inzwischen bietet YouTube eigene KI-Tools an, mit denen Creator ihre Inhalte automatisiert in anderen Sprachen vertonen können.

Hollywood beobachtet diese Entwicklungen mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Auf der einen Seite erhofft man sich durch generative KI eine Entlastung bei aufwendigen Prozessen wie VFX und Postproduktion. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass durch den leichten Zugang zu KI-Tools schlampig gearbeitet wird – Hauptsache billig und schnell. Beispiele wie OpenAI’s Tool Sora, das kurze Videos aus Text-Prompts erzeugt, zeigen: Die Technik ist noch nicht ganz ausgereift. Die ersten Ergebnisse wurden wegen schlechter Qualität belächelt. Andere Anbieter wie Runway oder Google kommen bisher besser an – trotzdem stehen Studios weiterhin unter Druck, die Technologie nicht auf Kosten der Kreativen einzusetzen.

Ob Visual Dubbing wirklich ein Gamechanger für die Filmbranche wird, bleibt abzuwarten. Für AMC ist es jedenfalls ein mutiger Schritt – und für das Publikum eine spannende neue Art, internationale Filme zu erleben. Vielleicht wird Watch the Skies nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern vor allem wegen seiner Technik in Erinnerung bleiben.

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