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Wissenschaft

Als das Universum plötzlich bevölkert war: Wie frühe Wissenschaftler über Leben im All dachten

Die Idee von Außerirdischen ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts – schon im 17. Jahrhundert war sie heiß diskutiert. Der Wandel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild während der wissenschaftlichen Revolution brachte nicht nur die Erde ins Wanken, sondern auch unsere Vorstellung davon, ob wir im Universum allein sind.
Von Philip C. Almond, The Conversation Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Wenn die Erde nur ein Planet unter vielen ist…

Vor dem Aufstieg des kopernikanischen Weltbildes stand die Erde im Mittelpunkt – buchstäblich. Alles kreiste um sie. Doch mit der Erkenntnis, dass nicht wir, sondern die Sonne das Zentrum unseres Planetensystems bildet, kam ein Perspektivwechsel: Wenn die Erde „nur“ ein Planet ist wie Mars oder Venus – warum sollten diese Welten dann nicht auch Leben beherbergen?

Der englische Gelehrte Robert Burton formulierte es 1621 in seinem Werk The Anatomy of Melancholy so:
„Wenn sich die Erde bewegt, ist sie ein Planet – und erscheint im Mond und für andere planetarische Bewohner so wie uns der Mond erscheint.“

Diese Idee war revolutionär. Die Erde war nicht mehr einzigartig – und damit vielleicht auch nicht mehr allein bewohnt.

Huygens, Fontenelle & Co: Leben im Kosmos als göttliche Notwendigkeit

Der niederländische Astronom Christiaan Huygens (1629–1695) ging sogar noch weiter. Für ihn war außerirdisches Leben die logische Konsequenz des kopernikanischen Weltbilds – kombiniert mit dem Konzept der „göttlichen Fülle“. Seine Überzeugung: Ein allmächtiger und gütiger Gott hätte das Universum nicht mit Materie erschaffen, ohne es auch mit Leben zu erfüllen.

In seinem Buch The Celestial Worlds Discover’d (1698) spekulierte Huygens, dass außerirdische Wesen – ähnlich wie wir – Hände, Füße und eine aufrechte Haltung hätten. Auf Riesenplaneten wie Jupiter oder Saturn wären sie vielleicht sogar deutlich größer. Und sie würden – ganz menschlich – Musik machen, Häuser bauen, in Gesellschaft leben und über Gott nachdenken.

Der französische Denker Bernard Le Bovier de Fontenelle ging in Gespräche über die Vielzahl der Welten (1686) noch einen Schritt weiter. Für ihn gab es eine unendliche Zahl an Planeten – und eine ebenso unendliche Zahl an bewohnten Welten. Sein Argument war ein einfaches: Wenn sich die Erde nicht grundlegend von anderen Himmelskörpern unterscheidet, warum sollte sie dann die einzige bewohnte Welt sein?

Aber sind sie auch „Menschen“?

Mit all diesen kühnen Gedanken tat sich jedoch ein theologisches Dilemma auf: Wenn es auf anderen Planeten intelligente Wesen gibt – sind sie dann auch Menschen? Und wenn ja, sind sie ebenfalls von Jesus Christus erlöst worden?

John Wilkins, einer der Mitbegründer der Royal Society und ein früher Fürsprecher des neuen wissenschaftlichen Denkens, glaubte fest daran, dass der Mond bewohnt sei. Gleichzeitig bezweifelte er aber, dass die dortigen Wesen zur „Saat Adams“ gehören – also zur Menschheit, wie sie in der Bibel beschrieben wird.

Seine Lösung: Die Mondbewohner sind keine Menschen wie wir, sondern „andere Arten von Kreaturen, die unserer Natur in gewisser Weise ähneln“. Auch Fontenelle stimmte dieser Sicht später zu – alles andere, meinte er, wäre „ein großes theologisches Problem“.

Die Vorstellung, dass außerirdisches Leben menschlich – also wie wir – sein könnte, stellte das Fundament des christlichen Erlösungsnarrativs in Frage. Denn die zentrale Idee, dass Jesus für alle Menschen gestorben sei, lässt sich schwer auf außerirdische Zivilisationen übertragen. Deshalb war es intellektuell einfacher (und sicherer), den Außerirdischen ihre Menschlichkeit schlicht abzusprechen.

© Wikimedia

Der „Alien“ als theologisches Schlupfloch

Ironischerweise ist unsere heutige Vorstellung von Außerirdischen – fremdartig, nicht-menschlich, vielleicht sogar bedrohlich – ursprünglich ein theologischer Kompromiss. Der „Alien“ war die Lösung für ein religiöses Problem. Indem man ihm die Menschlichkeit absprach, wurde er wörtlich und metaphorisch zum Fremden – und damit zum potenziellen Feind.

Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Wir leben nicht mehr in einem Universum, das als Ausdruck göttlicher Fülle verstanden wird. Auch die Erde ist längst kein Mittelpunkt mehr – weder physikalisch noch spirituell. In gewisser Weise sind wir zu den Aliens geworden: verloren, entfremdet, ohne festen Platz im endlosen Raum.

Während man in der frühen Neuzeit Außerirdische noch als mögliche Geschöpfe göttlicher Güte betrachtete, sind sie in der modernen Popkultur oft Projektionsflächen für unsere eigenen Ängste. Sie verkörpern das Gefühl, in einem Universum ohne Sinn und Ziel zu leben – und genau deshalb faszinieren sie uns so sehr.


Von Philip C. Almond, emeritierter Professor für Religionsgeschichte an der University of Queensland. Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch bei The Conversation und wurde unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlicht.

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