Ein Glas Wein zum Einschlafen über den Wolken? Klingt harmlos – ist es aber offenbar nicht. Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Kombination aus Alkohol und Langstreckenflügen eine gefährliche Belastung für das Herz-Kreislauf-System darstellen kann. Gesunde Proband:innen zeigten im Schlaf bei simulierter Flughöhe nach Alkoholkonsum deutlich niedrigere Sauerstoffwerte im Blut und eine erhöhte Herzfrequenz im Vergleich zu Nächten ohne Alkohol. Und für Menschen mit Herzproblemen oder ältere Passagiere könnte diese Mischung sogar ernsthafte Risiken bergen.
Warum Fliegen allein schon den Körper stresst
Dass Langstreckenflüge – also in der Regel alles über sechs Stunden – körperlich anstrengend sein können, ist längst bekannt. In Reiseflughöhe herrscht ein niedrigerer Luftdruck, was den Sauerstoffgehalt im Blut senken kann, insbesondere im Schlaf. Der Körper versucht, das auszugleichen: Das Herz schlägt schneller, um die Versorgung sicherzustellen.
Das Team vom Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wollte nun wissen, was passiert, wenn man diesen Effekt mit Alkohol kombiniert. Vorherige Studien zeigten bereits, dass Alkohol vor dem Schlafengehen ebenfalls die Sauerstoffsättigung verringert und die Herzfrequenz steigert. Aber wie stark wirkt sich die Kombi aus?
So lief das Experiment ab
Die Forschenden rekrutierten gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 40 Jahren. Die eine Hälfte schlief unter normalen Bedingungen auf Meereshöhe, die andere in einer Höhenkammer, die die Kabinenverhältnisse eines Flugzeugs in 8.000 Fuß (ca. 2.400 Meter) simulierte.
In beiden Gruppen wurde wiederum die Hälfte der Teilnehmenden gebeten, vor dem Schlafengehen eine moderate Menge Alkohol zu trinken – etwa zwei Standardgetränke. Die andere Hälfte schlief ohne Alkohol. Nach zwei Nächten zur Erholung wurden die Bedingungen getauscht, um auszuschließen, dass der Zeitpunkt der Alkoholeinnahme das Ergebnis beeinflusst. Insgesamt nahmen 40 Personen teil: 23 in der Schlaflaborgruppe und 17 in der Höhenkammer.
Die Ergebnisse: Sauerstoff runter, Puls rauf
Die Sauerstoffsättigung im Blut wurde über den sogenannten PaO₂-Wert gemessen. Alles über 95 % gilt als normal, unter 90 % wird es kritisch.
Im Schlaflabor blieben die Werte stabil, auch mit Alkohol – der Puls stieg aber leicht an. In der Höhenkammer jedoch sank die Sauerstoffsättigung mit Alkohol im Median auf 85 %, ohne Alkohol lag sie bei 88 %. Gleichzeitig war der Anstieg der Herzfrequenz deutlich stärker. Auch die Qualität des Schlafs litt: Die Proband:innen verbrachten weniger Zeit in der Tiefschlaf- und REM-Phase – beide gelten als essenziell für erholsamen Schlaf.
Kleine Studie, große Fragen
Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal Thorax. Die Ergebnisse stammen zwar aus einer vergleichsweise kleinen Stichprobe, liefern aber dennoch beunruhigende Hinweise. Zudem schliefen die Teilnehmenden in Rückenlage – also einer Position, die auf einem Economy-Sitz kaum realistisch ist. Ob dieselben Effekte auch beim Schlafen im Sitzen auftreten, muss noch untersucht werden.
Trotzdem ist der Befund eindeutig: Selbst bei jungen, gesunden Menschen kann die Kombination aus Alkohol und reduzierter Sauerstoffversorgung in Flughöhe eine deutliche Belastung für das Herz darstellen. Besonders Menschen mit bereits geschwächtem Herz-Kreislauf-System sollten vorsichtig sein.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass selbst bei jungen und gesunden Personen der Mix aus Alkohol und Schlaf unter hypobarischen Bedingungen das Herz-Kreislauf-System stark beansprucht und Symptome bei Patient:innen mit Herz- oder Lungenerkrankungen verschärfen könnte“, so die Forschenden.
Zeit für neue Regeln an Bord?
Zwar sind medizinische Notfälle an Bord eher selten – laut einer Übersicht aus dem Jahr 2018 kommt im Schnitt einer auf 604 Flüge –, aber immerhin 7 % davon hängen mit Herzproblemen zusammen. Die Studienautor:innen fordern deshalb ein Umdenken beim Alkoholausschank auf Langstreckenflügen. Mindestens sollten Passagiere und Flugpersonal besser über die potenziellen Risiken informiert werden.
„Ärzt:innen, Passagiere und Crewmitglieder sollten über die möglichen Gefahren aufgeklärt werden“, heißt es in der Studie. „Es wäre sinnvoll, die derzeitigen Vorschriften zu überdenken und den Zugang zu alkoholischen Getränken an Bord einzuschränken.“
Fazit: Ein Gläschen zur Entspannung mag verlockend sein, aber vor allem auf langen Flügen kann es deinem Herz ganz schön zu schaffen machen – und das selbst, wenn du kerngesund bist. Wer auf Nummer sicher gehen will, verzichtet besser auf den Drink über den Wolken.