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75% der amerikanischen Wissenschaftler denken darüber nach, die USA zu verlassen

Schwindende Forschungsgelder und politische Ideologie treiben Wissenschaftler in die Flucht
Von Isaac Schultz Übersetzt von

Lesezeit 3 Minuten

Eine aktuelle Umfrage des renommierten Fachmagazins Nature sorgt für Aufsehen: Drei Viertel der befragten Wissenschaftler in den USA denken darüber nach, das Land zu verlassen. Der Grund? Die massiven Kürzungen bei der Forschungsförderung unter der zweiten Amtszeit von Präsident Trump.

Mehr als 1.600 Forschende haben sich an der Umfrage beteiligt – ein deutliches Zeichen für die verbreitete Unzufriedenheit in der wissenschaftlichen Community. Besonders betroffen: Universitäten und staatliche Einrichtungen wie die NASA, die FDA oder das National Institute of Standards and Technology (NIST). Die Bundesregierung kürzt flächendeckend Budgets, streicht Stellen und stellt damit das Fundament der amerikanischen Forschung ernsthaft infrage.

Junge Wissenschaftler besonders betroffen

Besonders prekär ist die Lage für Forschende am Anfang ihrer Karriere: Ganze 79 % der Postdoktoranden und 75 % der Promovierenden denken über einen Wechsel ins Ausland nach. Kanada und Europa stehen ganz oben auf der Wunschliste, heißt es bei Nature.

Viele der Befragten betonen, dass sie die USA eigentlich nicht verlassen wollen. Doch das politische Klima und die Einschränkungen im Wissenschaftsbetrieb lassen ihnen wenig Wahl. Die Perspektiven auf eine stabile und zukunftsorientierte Forschungslandschaft erscheinen andernorts einfach besser.

Wissenschaftler suchen Zuflucht – in Europa

Ein konkretes Beispiel: Die französische Universität Aix-Marseille hat kürzlich öffentlich erklärt, dass sich mehrere Dutzend US-Forschende bei ihr gemeldet haben, nachdem sie ein „sicheres Exil“ für amerikanische Wissenschaftler angeboten hatte. Darunter befinden sich Fachkräfte von angesehenen Institutionen wie Stanford, Yale, der NASA und den National Institutes of Health.

Was wie eine Rückbesinnung auf die dunkleren Kapitel des 20. Jahrhunderts klingt, ist heute wieder Realität: Damals flüchteten Genies wie Einstein, Bohr oder Fermi vor autoritären Regimen nach Amerika – heute kehrt sich das Bild möglicherweise um.

Projekt 2025: Der ideologische Unterbau

Die Kürzungen kommen nicht von ungefähr. Ein großer Teil davon folgt den Prinzipien des konservativen Projekts „Project 2025“, das sich unter dem Deckmantel von Effizienz und Freiheit gegen Umweltauflagen, Gleichstellung und staatliche Programme richtet. Was auf den ersten Blick wie eine Sparmaßnahme wirkt, ist oft ideologisch motiviert – und trifft gezielt wissenschaftliche Institutionen, die für Weltoffenheit, Vielfalt und Innovation stehen.

Besonders hart trifft es derzeit auch die Programme zur HIV-Prävention. Die Regierung denkt laut darüber nach, die Mittel zu kürzen – und das, obwohl Trump in seiner ersten Amtszeit noch großspurig angekündigt hatte, HIV bis 2030 im Inland zu besiegen. Ein Kurswechsel, der nicht nur forschungspolitisch irritiert, sondern auch gesundheitspolitisch bedenklich ist.

DEI im Visier: Vielfalt als Feindbild

Parallel dazu geht das Weiße Haus verstärkt gegen Programme zur Förderung von Diversität, Gleichstellung und Inklusion (DEI) vor – Themen, die in konservativen Kreisen längst zum Kampfbegriff geworden sind. So wurde beispielsweise bekannt, dass NASA-Grafikromane, in denen die Geschichte der ersten Frau auf dem Mond erzählt wird, von der Website entfernt wurden. Ein symbolischer Akt, der zeigt, welche Prioritäten aktuell gesetzt werden.

Ironischerweise könnte genau dieses Vorgehen der Regierung das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu wollen: Effizienz, Fortschritt und globale Wettbewerbsfähigkeit. Fachleute, die mit Gizmodo sprachen, sehen in den Kürzungen einen gefährlichen Rückschritt – nicht nur für die Forschung in den USA, sondern auch für deren internationale Stellung.

Die Gefahr eines Brain Drains

Die USA haben sich über Jahrzehnte hinweg als Magnet für kluge Köpfe aus aller Welt etabliert. Nun droht ein sogenannter „Brain Drain“ – der Verlust von Talenten, die ihre Zukunft nicht mehr in Amerika sehen. Und dieser Verlust könnte nachhaltig sein. Denn wer einmal geht, kommt nicht so schnell zurück.

Wenn die Vereinigten Staaten ihr Image als Land der unbegrenzten Möglichkeiten – gerade in der Forschung – nicht aufs Spiel setzen wollen, müssten sie jungen Talenten wieder eine echte Perspektive bieten. Doch momentan sendet die Regierung genau das gegenteilige Signal. Und wie es aussieht, wird sich dieser Kurs so bald nicht ändern.

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