Der Tod ist unvermeidlich, doch der Weg dorthin verläuft für jeden anders.
Die weltweite Lebenserwartung bei Geburt liegt derzeit bei etwa 73 Jahren, variiert aber stark zwischen Ländern und sogar zwischen US-Bundesstaaten. Viele von uns kennen Menschen, die auch im Alter geistig wach und körperlich fit bleiben – und andere, die im Alter stark abbauen. Das wirft eine unvermeidliche Frage auf: Können wir unsere biologische Uhr wirklich verlangsamen? Sind wir der Quelle ewiger Jugend näher, als wir glauben?
(Nicht ganz) der hundertjährige Mensch
Zunächst die schlechten Nachrichten: Wahrscheinlich gibt es ein biologisches Limit für unsere Lebensspanne. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Lebenserwartung seit Beginn des 20. Jahrhunderts zwar insgesamt gestiegen ist, sich dieser Trend in wohlhabenden Ländern wie den USA aber in den letzten 30 Jahren deutlich verlangsamt hat. Heute wird erwartet, dass nur 3 % der US-amerikanischen Frauen und 1 % der Männer 100 Jahre alt werden. Diese und andere Daten deuten darauf hin, dass eine radikale Verlängerung der menschlichen Lebensspanne noch außer Reichweite liegt.
Doch es ist nicht alles verloren. Viele Alternsforscher:innen plädieren für einen Perspektivwechsel: Statt das Leben an sich zu verlängern, sollten wir die gesunden Lebensjahre – also Jahre mit guter körperlicher und geistiger Gesundheit – in den Fokus rücken. Menschen, die 100 Jahre alt werden, sind oft über weite Strecken ihres Lebens gesünder, während andere schon mit 70 oder 80 sterben, ohne jemals an chronischen Krankheiten zu leiden.
Die grundlegendsten (und wirksamsten) Schlüssel für gesundes Altern
Die gute Nachricht: Es gibt bewährte Möglichkeiten, unsere Gesundheit mit zunehmendem Alter zu verbessern oder zu erhalten. Eine der effektivsten ist körperliche Aktivität. Jede Art und Menge an Bewegung – vom Spazierengehen bis zum Krafttraining oder Yoga – bringt in jedem Alter Vorteile.
„Es besteht kein Zweifel, dass regelmäßige Bewegung mit längerer Lebensdauer und besserer Lebensqualität verbunden ist“, sagt Sanjai Sinha, außerordentlicher Professor für klinische Medizin am Mount Sinai Health System. Studien belegen außerdem einen Zusammenhang zwischen Bewegung und einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, Krebs sowie neurodegenerative Krankheiten.
Auch Ernährung spielt eine zentrale Rolle. Es gibt viele gesunde Ernährungsweisen, doch laut Sinha ist die mediterrane Ernährung die konstanteste, wenn es um Langlebigkeit geht. Sie betont Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Olivenöl, Fisch und in Maßen Geflügel – und reduziert rotes Fleisch, raffinierten Zucker und gesättigte Fette. Eine Analyse von 40 klinischen Studien im Jahr 2023 zeigte, dass diese Ernährungsweise im Vergleich zu sechs anderen Diäten Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko den größten Nutzen brachte.
Darüber hinaus können das Vermeiden oder Einschränken bestimmter Verhaltensweisen das Leben verlängern. Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und Bewegungsmangel sind mit einer kürzeren Lebensspanne verbunden. Sogar weniger offensichtliche Faktoren wie häufige Albträume könnten laut jüngsten Studien zu einem schnelleren Altern beitragen.
Fortschritte und Hoffnungen in der Anti-Aging-Medizin
Wir wissen noch wenig über die Biologie des Alterns – und noch weniger darüber, wie man sie effektiv bremsen könnte. Zwar gibt es zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel mit angeblichen Anti-Aging-Effekten, aber für die meisten fehlen schlüssige Belege. Eine aktuelle NIH-Studie konnte beispielsweise nicht bestätigen, dass niedrige Taurinspiegel – ein in Supplements beliebte Aminosäure – tatsächlich mit Alterung zusammenhängen.
„Auch wenn sie Effekte auf bestimmte alterungsrelevante Gene und Proteine haben, konnte bislang kein Supplement in gut durchgeführten Studien die Lebensdauer verlängern“, sagt Sinha. „Keines sticht wirklich heraus.“
Es gibt jedoch vielversprechende Forschung. In den USA läuft eine Studie mit 3.000 Menschen über 65 Jahren, um zu testen, ob Metformin – ein verbreitetes Medikament gegen Typ-2-Diabetes – das Leben verlängern kann. Auch Rapamycin, ein Mittel gegen Organabstoßung, wird im Kontext von Alterung und altersbedingten Krankheiten untersucht.
Anthony Molina, Professor für Medizin an der University of California in San Diego, zeigt sich optimistisch: „Dank der Entwicklung von Biomarkern für biologisches Altern können wir Behandlungen nun über klinische und gesundheitliche Ergebnisse über längere Zeiträume hinweg bewerten.“
Die Rolle der immunologischen Resilienz
Wissenschaftler:innen entdecken außerdem immer neue Faktoren hinter dem Altern. Forscher:innen der University of Texas in San Antonio haben etwa den Begriff „immunologische Resilienz“ geprägt: die Fähigkeit des Immunsystems, reale Bedrohungen zu bekämpfen, ohne übermäßige Entzündungen zu verursachen. Eine Studie vom April zeigte, dass Menschen mittleren Alters mit größerer immunologischer Resilienz einen Überlebensvorteil von bis zu 15 Jahren haben könnten.
„Entzündung ist wichtig – aber sie muss in Menge, Art, Ort und Dauer stimmen“, erklärt Sunil Ahuja, Arzt und Forscher am VA Center for Personalized Medicine.
Gründe zur Hoffnung
Gewohnheiten wie Bewegung und gesunde Ernährung hängen mit dieser immunologischen Resilienz zusammen. Ahuja glaubt jedoch, dass es bald möglich sein wird, individuelle Therapien zur Stärkung dieser Resilienz zu entwickeln. Mit umfassender Analyse von Genom, Stoffwechsel, Mikrobiom und anderen individuellen Merkmalen könnten wir maßgeschneiderte Diäten und Präventivbehandlungen schaffen – ähnlich wie heute bei der personalisierten Krebsmedizin.
Dorthin sind wir noch nicht gelangt. Aber etwas kann jetzt schon helfen: Optimismus. Eine positive Einstellung könnte eines der wirksamsten „Superfoods“ sein.
„Wenn Menschen mit einer positiven Haltung durchs Leben gehen und mit Stress umgehen, zeigen unsere Daten, dass ihr Zustand weniger entzündlich ist“, sagt Ahuja.
Niemand lebt ewig – aber wir können viel dafür tun, dass unser Leben so gesund und erfüllend wie möglich ist. Und mit etwas Glück finden wir in den nächsten Jahren noch mehr Wege, dies zu erreichen.