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Wissenschaft

Die Rolle des Gehirns bei der Definition unserer Erfahrungen – laut Wissenschaft

Warum kann uns ein Lächeln Sicherheit geben, während uns ein Blick zutiefst verunsichern kann? Was bestimmt, ob wir einen sozialen Moment als positiv oder negativ erinnern? Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt, dass unser Gehirn nicht nur registriert, was wir erleben, sondern auch, wie wir es fühlen.
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Diese Erkenntnis liefert eine neue Erklärung dafür, wie soziale Emotionen verarbeitet werden – und öffnet eine vielversprechende Tür für präzisere, individuellere Therapien in der psychischen Gesundheit. Hier erfährst du, wie dieser „emotionale Schalter“ funktioniert und warum er entscheidend sein könnte, um Empathie, soziale Ängste und zwischenmenschliche Beziehungen zu verstehen.

Das Gehirn entscheidet, ob eine Erfahrung gut oder schlecht ist

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© Ketut Subiyanto – Pexels

Soziales Leben ist voller emotionaler Nuancen: angenehme Begegnungen, angespannte Momente, tiefe Verbindungen oder subtile Zurückweisungen. Doch woher weiß das Gehirn, welche Emotion es jeder Interaktion zuordnet?

Forscher:innen der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in den USA fanden den Schlüssel in einer Region, die für ihre Verbindung zum Gedächtnis bekannt ist: dem Hippocampus. Dort identifizierten sie den Mechanismus, der soziale Erfahrungen als positiv oder negativ „markiert“.

Die Entdeckung dreht sich um zwei Moleküle, die wie echte „emotionale Schalter“ funktionieren: Serotonin und Neurotensin. Beide werden in einer bestimmten Subregion namens ventrales CA1 aktiviert und erzeugen entgegengesetzte Reaktionen. Serotonin wirkt als positives Signal, während Neurotensin Gefahr oder Ablehnung signalisiert.

Dieses „Bewertungssystem“ erlaubt es dem Gehirn, emotionale Reaktionen an vergangene Erfahrungen anzupassen. Es hilft uns, konfliktreiche Personen zu meiden – oder uns jenen zu nähern, bei denen wir uns gut fühlen.

Wie das Gehirn soziales Verhalten lernt

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© Afta Putta Gunawan – Pexels

In Tierversuchen fanden die Forschenden heraus: Nach einer positiven oder negativen sozialen Erfahrung speichert das Gehirn eine entsprechende emotionale Erinnerung. Wiederholt sich die Erfahrung, verstärkt sich die Verbindung zwischen Reiz und emotionaler Reaktion.

In Experimenten suchten Mäuse, die mit „freundlichen“ Artgenossen in Kontakt kamen, diese wieder auf. Trafen sie jedoch auf aggressive Tiere, mieden sie diese künftig. Entscheidend war, welches Molekül freigesetzt wurde: Serotonin im ersten Fall, Neurotensin im zweiten.

Jedes Molekül aktiviert einen spezifischen Rezeptor im Hippocampus: Serotonin über 5-HT1B-Rezeptoren, Neurotensin über NTS1-Rezeptoren. Dieses System ermöglicht eine differenzierte, anpassungsfähige emotionale Einschätzung. Gerät das Gleichgewicht durcheinander, kann das Gehirn neutrale oder positive Situationen fälschlich als negativ interpretieren – eine mögliche Erklärung für soziale Schwierigkeiten.

Können wir diesen Schalter beeinflussen?

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© Anna Shvets – Pexels

Eine der spannendsten Fragen der Studie: Lässt sich dieser emotionale Mechanismus verändern? Die Antwort lautet: ja. Als Forscher:innen die Serotoninrezeptoren im Gehirn künstlich aktivierten, begannen Mäuse wieder, soziale Erlebnisse mit positiven Gefühlen zu verbinden.

Diese Erkenntnis eröffnet die Möglichkeit, gezieltere Therapien zu entwickeln – vor allem bei Störungen mit verzerrter sozialer Wahrnehmung wie sozialer Angst, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder bestimmten Depressionen.

Statt Medikamente zu nutzen, die das ganze Nervensystem beeinflussen, könnten solche Behandlungen direkt an den Rezeptoren ansetzen, die für die emotionale Bewertung sozialer Interaktionen verantwortlich sind.

Studienleiterin Dr. Xiaoting Wu fasst es so zusammen: „Zu erkennen, welche Beziehungen uns guttun und welche nicht, ist entscheidend fürs Überleben in Gemeinschaft. Jetzt wissen wir, dass dieses Urteil nicht nur psychologisch, sondern zutiefst biologisch ist.“

Mehr als Erinnerung: Ein emotionaler Editor

Traditionell gilt der Hippocampus als das große Gedächtnisarchiv des Gehirns. Doch diese Studie zeigt: Er speichert nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wie es uns dabei erging.

Dieses „soziale Bewertungssystem“ hilft uns, in künftigen Situationen entsprechend zu handeln. Ohne es wären Erfahrungen emotional wertlos – wir wüssten nicht, ob wir sie wiederholen oder vermeiden sollten. Es ist die Grundlage für Empathie, soziales Lernen und viele alltägliche Entscheidungen.

Zudem erklärt der Befund, warum manche Menschen die Welt scheinbar „grau sehen“: Wenn ihr Gehirn zu wenig Serotonin produziert oder überempfindlich auf Neurotensin reagiert, können sie jede soziale Erfahrung mit Unbehagen, Angst oder Ablehnung empfinden.

Dieses Verständnis eröffnet nicht nur neue therapeutische Ansätze, sondern auch Wege zur Empathie: Wir alle bewerten die Welt – aber nicht alle benutzen denselben emotionalen Filter.

Quelle:  Muy Interesante

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